Hans Schleif (1902-1945)

Sa 11. Juli 19 Uhr Fabrikhof, Kleiner Saal
Eine Spurensuche von und mit Matthias Neukirch und Julian Klein

Koproduktion des !KF – Institut für künstlerische Forschung mit dem Deutschen Theater Berlin

Der Schauspieler Matthias Neukirch hat zusammen mit dem Regisseur Julian Klein in Archiven, Dokumenten und Familienerinnerungen recherchiert, um sich der Biografie seines Großvaters anzunähern. Hans Schleif war nicht nur Architekt und renommierter Wissenschaftler, sondern auch Familienvater und – ranghohes Mitglied der SS. Das Publikum wird in besonderer Form auf diese Spurensuche mitgenommen und erlebt über die schauspielerische Leistung und die persönliche Betroffenheit, wie Vergangenheit bis in die Gegenwart hinein wirkt.

Mit dieser Spurensuche nach dem Leben des Hans Schleif entstand ein beeindruckendes dokumentarisches Theaterstück, das nach seiner erfolgreichen Premiere am Deutschen Theater Berlin im Jahr 2011 für den Friedrich-Luft-Preis nominiert wurde und seitdem als Gastspiel in Deutschland und international unterwegs ist.

Das Theaterstück nimmt sein Publikum zu den Recherchearbeiten mit: es erhält Einblicke in Dokumente aus Archiven und reale Situationen der Vergangenheit werden vorgeführt – einschließlich mancher Banalitäten. Im Laufe des Theaterabends werden die Verstrickungen ein wenig erkennbar, die dazu führten, dass Hans Schleif zu einem Mitglied der SS, zuletzt im Rang eines Standartenführers wurde. Dabei ist diese Geschichte eines Täters nicht eindeutig. Hans Schleif stand den Nazis zunächst verachtend gegenüber, ein Tatbestand unter dem seine Berufung als Professor zunächst zu leiden hatte. Die ideologische Verstrickung blieb dennoch nicht aus. Das Kriegsende und die Befreiung von der NS-Diktatur war für ihn der Zusammenbruch seiner Lebenswelt, er nahm sich und seiner jungen Familie das Leben.

Die zweite beeindruckende Ebene dieses Theaterstücks ist die Frage nach den Wirkungen der Vergangenheit in die Gegenwart hinein. Matthias Neukirch gewährt tiefe Einblicke in sein eigenes Leben, offenbart Schuldgefühle, die noch heute existieren und verweist auf Widersprüchlichkeiten die nicht auflösbar sind. Über seinen Großvater wurde innerhalb seiner Familie gut gesprochen, seine erfolgreichen Leistungen als Wissenschaftler und Architekt wurden vermittelt – immerhin stammt die Nachbildung von Alt-Nürnberg für das Pergamonmuseum in New York von ihm. Erst in den 1990er Jahren stößt Matthias Neukirch auf die SS-Vergangenheit seines Großvaters und beginnt mit seiner intensiven und differenzierten Recherche und Auseinandersetzung. Vielleicht ist diese durch den zeitlichen Abstand der Enkelgeneration überhaupt erst in solch einer Form möglich… Unglaublich wertvoll ist sie aber vor allem, denn diese differenzierte Betrachtung öffnet uns die Augen für Anteile in uns selbst. Mechanismen menschlichen Handelns werden erkennbar, wovon auch unser eigenes Menschsein nicht unberührt bleibt. Es führt zu der Frage nach unserer persönlichen und kollektiven Verantwortung in der Gesellschaft.

Julian Klein, Vorsitzender Direktor des !KF – Institut für künstlerische Forschung, ist Komponist und Regisseur, künstlerischer Leiter der Gruppe a rose is, Dozent für Regie des experimentellen Musiktheaters an der Universität der Künste Berlin sowie für Performance und interdisziplinäre Projektentwicklung an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main. Er studierte Komposition sowie Musiktheorie, Mathematik und Physik, und war Regieassistent und Bühnenkomponist u. a. am Staatstheater Hannover. Derzeit ist er auch Gastwissenschaftler am Institut für Verhaltens- und Neurobiologie der Freien Universität Berlin / Exzellenzcluster „Languages of Emotion“, und war Mitglied der Jungen Akademie an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina.

www.julianklein.de

PRESSE:
“Ein Schauspieler erzählt von der Auseinandersetzung mit seiner familiären Vergangenheit. Matthias Neukirch berichtet von den Schwierigkeiten der Recherche, von Dokumenten, die fehlen, er zeigt und beschreibt Bilder, zitiert Briefe und Beurteilungen. Der Schauspieler unternimmt den waghalsigen Versuch, die Vergangenheit mit der Gegenwart zu verschränken. Er gibt viel von sich preis. Das ist berührend, aber auch unangenehm. Er hat über Hans Schleif herausgefunden, dass sein Denken von einem Hang zu Extremen gekennzeichnet war: ein Entweder-oder-Denken, dem Unsicherheiten fremd waren. Sein Enkel macht da das Gegenteil. Exakt das Gegenteil.”

Hannoversche Allgemeine Zeitung, Ronald MeyerArlt, 15.10.2011

www.artistic-research.de/projekte/aktuelle-projekte/hans-schleif

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